Zwischen Palmbuschen und Ratschenklang
Ostertraditionen in Tirol
Wer am Palmsonntag zu lange in den Federn bleibt, wird beim Frühstück scherzhaft zum „Palmesel“ erklärt. Was es mit diesem kuriosen Brauch auf sich hat und welche weiteren Traditionen es zur Osterzeit in Tirol gibt, erfahren Sie hier.
Wenn sich in Tirol der Winter leise verabschiedet und das erste Grün die Hänge durchzieht, beginnt rund um das Hotel Postwirt in Söll eine Zeit voller Feste und Bräuche, Rituale und vertrauter Düfte. Ostern ist hier mehr als ein Datum im Kalender. Es ist ein Wechselspiel aus Verzicht und Fülle, aus Stille und Klang, aus Überlieferung und lebendiger Gemeinschaft.
Der Palmsonntag macht den Anfang. Wer an diesem Morgen als Letzter aufwacht, wird scherzhaft zum „Palmesel“ erklärt. Eine Neckerei, die meist sofort wieder verfliegt, weil schon die Prozession wartet. Mädchen tragen Palmbuschen, Buben Palmlatten, gebunden aus Ölzweigen und Palmkätzchen, geschmückt mit farbigen Bändern und süßen Brezeln. In Thaur zieht eine hölzerne Christusfigur auf einem Holzesel voran, in Imst messen sich Gruppen im Wettstreit um die längste Palmlatte. Nach der Weihe finden Buschen und Stangen ihren Platz im Haus, als Zeichen des Schutzes für das kommende Jahr.
In den Kartagen wird es in Tirol dann ungewohnt still. Die Kirchenglocken schweigen, stattdessen ziehen Kinder mit hölzernen Ratschen durchs Dorf. Das Knarren der Ratschen ersetzt das Glockenläuten und gehört für viele genauso zu Ostern wie Kerzenlicht und Weihrauch. Seit 2015 gilt dieser Brauch offiziell als immaterielles UNESCO-Kulturerbe. Erst mit der Auferstehungsfeier am Karsamstag erklingen die Glocken wieder, begleitet von der Segnung des Osterfeuers, des Taufwassers und heiliger Öle.
Nach einer 40-tägigen Fastenzeit wird zum Osterfest wieder groß aufgetischt: Osterschinken mit frischem Kren, würzige Würste, und bunt gefärbte Eier dürfen in Tirol auf keinem Teller fehlen. Auch die süßen Gaben der Paten an ihre Patenkinder prägen das Fest in der Region. Osterlamm und Osterzopf, am Karsamstag gebacken, krönen das Sonntagsfrühstück. Ihre Formen tragen religiöse Bedeutung, ihr Duft erfüllt die Stuben. Jahr für Jahr werden Tradition, Feste und Bräuche in Tirol neu gelebt.
